Sonntag, 20.08.2017   

Diagnose Alzheimer - und dann?

Elemente der Therapie

Internistische Basistherapie zur Stabilisierung des allgemeinen Gesundheitszustandes
Medikamentöse Behandlung mit antidemenziellen Arzneimitteln zur gezielten Behandlung der Demenz und Aufrechterhaltung der geistigen Fähigkeiten (Antidementiva)
Medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka zur Stabilisierung der psychischen Verfassung und Stimmungslage
Training der verbliebenen Fähigkeiten (Alltagskompetenz, Hirnleistungstraining, Bewegungstraining)
Psychotherapeutische Maßnahmen (Verhaltenstraining)
|Ganzheitlicher Therapieansatz|

Sobald die Diagnose gestellt ist, sollte der Arzt einen individuellen Behandlungsplan ausarbeiten. Ziel der therapeutischen Maßnahmen ist, den Gesundheitszustand möglichst lange stabil zu halten, den Krankheitsverlauf zu verzögern, die Selbstbestimmung und Selbstständigkeit der Lebensführung mit allen Mitteln zu fördern und die Würde und Lebensqualität des Patienten auch im Spätstadium durch Aktivierung und Förderung verbliebener Fähigkeiten zu gewährleisten.

Diese Ziele lassen sich nur mit einem ganzheitlichen Therapieansatz erreichen. Eine moderne Therapie besteht deshalb immer aus mehreren Elementen: der medikamentösen Behandlung sowie begleitenden Maßnahmen zum Erhalt der geistigen Fähigkeiten.

Medikamentöse Behandlung

Die genaue Ursache einer Alzheimer-Erkrankung ist derzeit noch nicht bekannt und kann daher auch nicht behandelt werden – wohl aber die Symptome. Dabei unterscheidet man zwischen Medikamenten, die das Denkvermögen, die Stimmung oder das Verhalten beeinfl ussen.

|Verbesserung der Leistungsfähigkeit|
Viele Alzheimer-Patienten können durch die Einnahme von antidemenziellen Arzneimitteln (Antidementiva) wieder alltägliche Aufgaben bewältigen und aktiv am Leben teilhaben.

Medikamente, die zur Aufrechterhaltung der geistigen Fähigkeiten eingesetzt werden, bezeichnet man als Antidementiva. Antidementiva zeigen umso mehr Wirkung, je früher mit der Behandlung begonnen wird. Aber auch bei Patienten, die sich zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bereits in einem fortgeschrittenen oder schweren Stadium der Erkrankung befinden, ist die richtige medikamentöse Therapie ganz wesentlich, um die Lebensqualität des Kranken zu erhalten und die Pflegesituation zu erleichtern.

|Psychopharmaka zur Behandlung der Begleitsymptome|
  • Antidepressiva: zur Stimmungsaufhellung, gegen grundlose Traurigkeit
  • Neuroleptika: gegen Unruhe, Reizbarkeit, Wahnvorstellungen
  • Anxiolytika: gegen Angstzustände
  • Sedativa: bei Schlafstörungen

Man weiß, dass die Alzheimer-Demenz mit einer irreparablen Schädigung und Zerstörung von Nervenzellen einhergeht und dass die Reizübertragung zwischen den Nervenzellen durch Eiweißablagerungen gestört ist. Moderne antidementive Medikamente stabilisieren das Zusammenspiel und die Reizübertragung zwischen den Nervenzellen.

Zuständig für die Informationsverarbeitung und -weiterleitung zwischen den Nervenzellen sind spezielle Botenstoffe. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei die Botenstoffe Glutamat und Acetylcholin. Ein Mangel an Acetylcholin ist dafür verantwortlich, dass Informationen zwischen den Nervenzellen nicht mehr richtig übertragen werden, ein Zuviel an Glutamat schädigt die Nervenzellen derartig, dass sie zugrunde gehen. Die zurzeit in der Therapie der Alzheimer-Demenz eingesetzten Medikamente beeinflussen das Ungleichgewicht der Neurotransmitter. Sie können im Wesentlichen der Gruppe der sogenannten Acetylcholinesterasehemmer oder der Gruppe der NMDA-Rezeptorantagonisten (das sind jene Substanzen, die die schädigende Wirkung des Glutamats auf die Nervenzelle blockieren) zugeordnet werden. Darüber hinaus gibt es Substanzen, die den Stoffwechsel und die Sauerstoffversorgung des Gehirns verbessern sollen.

Diese Arzneimittel können die Erkrankung nicht heilen und sie haben eine geringe Wirkung auf den Krankheitsverlauf. Gerade bei der Alzheimer-Erkrankung ist jedoch eine kleine Wirkung von Bedeutung, nicht nur für den Patienten, sondern auch für die pflegenden Angehörigen. Es geht hierbei vor allem um den möglichst langen Erhalt der Alltagskompetenz und die Erleichterung der Pflege.

Nach einer Stellungnahme des IQWIG (Institut für Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) gilt für die Substanzklasse der Acetylcholinesterasehemmer (Donezepil, "Aricept" u.a.) eine Wirksamkeit im Bereich der leichten bis mittelschweren Demenz vom Alzheimer-Typ als belegt. 2011 hat das IQWIG für den Wirkstoff Memantine ("Axura" u.a.) eine Wirksamkeit bei der "kognitiven Leistungsfähigkeit" (Wahrnehmung, Gedächtnis, Erkennen) ebenfalls bestätigt. Ferner sieht das Institut bei dieser Substanz für den Bereich des (Erhalts) der Aktivitäten des täglichen Lebens einen Hinweis auf Wirksamkeit.

Die Alzheimer-Erkrankung beeinflusst nicht nur das Denk- und Lernvermögen und die alltäglichen Fähigkeiten, sondern führt auch zu Störungen im Gefühlsleben und im Verhalten. Abhängig vom Stadium der Erkrankung und den akuten Verhaltensauffälligkeiten des Patienten ist deshalb eine medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka sinnvoll.

Es stehen verschiedene Arzneimittel zur Verfügung, mit denen sich die niedergeschlagene Stimmung sowie Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Unruhe, Aggressivität, Schlafstörungen und Angstzustände behandeln lassen.

Diese Medikamente dienen keinesfalls dazu, den Patienten im negativen Sinne „ruhigzustellen“. Sie sollen vielmehr sein Wohlbefinden, sein Selbstwertgefühl und seine Lebensqualität verbessern, indem sie ihm beispielsweise aus akuten Stimmungstiefs oder Verwirrtheitszuständen heraushelfen. Von einer Dauermedikation mit diesen Präparaten wird dringend abgeraten. Außerdem sollen sie keinesfalls ohne den Rat und die Kontrolle des behandelnden Arztes eingesetzt werden.

Therapietreue ist wichtig für den Erfolg

|Therapietreue|
Eine einfache Medikation, am besten einmal täglich zur festgelegten Zeit, erleichtert die Therapietreue der Patienten.

Alzheimer ist nicht heilbar. Doch die beschriebenen Therapien und Medikamente machen es immer besser möglich, das Fortschreiten der Hirnstörung zu verlangsamen und die Begleitsymptome zu mildern. So können die Alltagskompetenzen der Erkrankten länger erhalten und ein erheblicher Zugewinn an Zeit und Lebensqualität erreicht werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die Therapietreue des Patienten – in der Fachsprache als Compliance bezeichnet. Das bedeutet, der Patient muss bereit und in der Lage sein, die ärztlichen Empfehlungen und Anweisungen zu befolgen. Bei Alzheimer-Demenz ist die Therapietreue allerdings allein durch das Krankheitsbild deutlich erschwert. Viele Alzheimerpatienten sind mit der Medikamenteneinnahme überfordert, insbesondere wenn verschiedene Medikamente zu unterschiedlichen Zeiten eingenommen werden müssen. Zur Vereinfachung sollte der Arzt das Therapieschema der Situation des Patienten anpassen. D. h., er sollte, wenn möglich, Medikamente in leicht zu handhabenden Darreichungsformen und Dosierungen verordnen, die nur einmal am Tag eingenommen werden müssen.

Außerdem ist es hilfreich, wenn der Arzt – mit Einverständnis des Patienten – den Therapieplan und die Medikation mit den betreuenden Angehörigen und Pflegekräften bespricht. So können die Betreuer den Patienten unterstützen und die korrekte Einnahme kontrollieren. Darüber hinaus helfen einfache Erinnerungshilfen dabei, die Einnahme zu erleichtern. Bewährt haben sich z. B. ein Haftzettel auf dem Frühstückstablett, eine Erinnerungsuhr oder Tablettendosen, in denen die Medikamente vorsortiert werden.

|Aut-idem|
Der Arzt kann durch Ankreuzen des Aut-idem-Feldes oder einen deutlichen Vermerk auf dem Rezept den Austausch des bewährten Medikaments durch ein Generikum ausschließen.

Auf jeden Fall gilt es alles zu vermeiden, was den Patienten verwirren und davon abhalten könnte, die Medikamente nach Vorschrift einzunehmen. Aus diesem Grund wird der Arzt einen Wechsel der Medikation nur dann befürworten, wenn es medizinisch notwendig ist. Dies sollte man insbesondere hinsichtlich einer möglichen Umstellung auf Generika beachten. Generika sind wirkstoffgleiche Nachahmerpräparate von Arzneimitteln, deren Patentschutz abgelaufen ist. Da sie kostengünstiger sind als die Originale, wird seit einigen Jahren die Umstellung auf Generika mit der Aut-idem-Regelung bewusst gefördert. Diese Regelung besagt, dass der Arzt auf dem Rezept explizit durch Ankreuzen des Aut-idem-Feldes vermerken muss, wenn ein Präparatewechsel ausgeschlossen ist. Ansonsten ist der Apotheker verpflichtet, ein kostengünstigeres, wirkstoffgleiches Arzneimittel abzugeben. Bei manchen Krankheitsbildern birgt diese Einsparmaßnahme im Arzneimittelbereich keine Risiken. Für Demenzpatienten kann jedoch jede Abweichung vom Altbekannten problematisch sein. Deshalb sollte man darauf achten, dass die bewährte Therapie sichergestellt ist.

Mitunter liegt eine mangelnde Therapietreue jedoch nicht daran, dass die Medikamenteneinnahme vergessen wird. Manche Patienten fürchten die möglichen Nebenwirkungen, andere haben eine falsche Erwartungshaltung und zweifeln die Wirksamkeit der Therapie an. Dazu sollte man wissen, dass der Effekt einer Therapie mit Antidementiva häufig erst Monate nach Behandlungsbeginn sicher beurteilt werden kann. Auf keinen Fall sollten die Medikamente ohne Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt oder deren Dosierung verändert werden. Wenn Sie Zweifel haben, sprechen Sie den Arzt darauf an.

Nichtmedikamentöse Behandlung

|Nach der Diagnose|
Die Auseinandersetzung mit der Erkrankung und der offene Austausch mit den nahestehenden Angehörigen über die Möglichkeiten der Versorgung machen es allen Beteiligten leichter, die schwierige Situation zu bewältigen.

Obwohl Medikamente zweifellos von elementarer Bedeutung für die Behandlung von Alzheimer-Patienten sind, dürfen sie nicht die einzige Unterstützung sein, die Betroffene erhalten. Das Angebot ist vielfältig und reicht vom Alltagstraining über Musik- und Kunsttherapie bis hin zum Gedächtnistraining. Ziel der unter dem Begriff „aktivierende Pflege“ zusammengefassten Maßnahmen ist es, ganz individuell die verbliebenen Fähigkeiten zu fördern und Defizite zu mindern.

Wichtig dabei ist es, den Kranken nicht zu überfordern. Einfache Tätigkeiten im Haushalt, beispielsweise das gemeinsame Tischdecken, geben dem Patienten das Gefühl, noch etwas zu leisten, und stärken das Selbstwertgefühl. Grundsätzlich sollten pflegende Angehörige erst dann Tätigkeiten übernehmen, wenn der Kranke sie gar nicht mehr selbstständig ausführen kann. Außerdem sollten die Patienten nicht mit ihren Fehlern konfrontiert, sondern vielmehr für ihr Bemühen gelobt werden. Wenig hilfreich ist es, Demenzkranke mit schulmeisterlichen Testfragen wie „Welcher Tag ist heute?“, „Wo wohnst du?“ und Ähnlichem zu quälen. Übungsaufgaben und Rätsel wie das Gehirnjogging sind nur dann sinnvoll, wenn der Erkrankte sie noch bewältigen kann und es ihm Spaß macht.

Selbstbestimmt vorsorgen

Wurde die Diagnose Alzheimer gestellt, gibt es viele Fragen, die auf Betroffene und Angehörige einstürmen. Jetzt ist es wichtig, Vorkehrungen für die Zukunft zutreffen. Je eher die Betroffenen damit beginnen, desto mehr Einfluss können sie selbst auf notwendige Entscheidungen nehmen. Sind alle wichtigen Angelegenheiten geregelt und mögliche Probleme klar und deutlich ausgesprochen sind, lässt sich das gemeinsame Leben stressfreier gestalten.

Nach der Diagnose

Allgemeine Vorsorgemaßnahmen

  • Bringen Sie finanzielle und persönliche Angelegenheiten in Ordnung.
  • Regeln Sie rechtliche Aspekte, wie z. B. Patientenverfügungen, Gesundheitsvollmacht, Vorsorgevollmacht, und verfassen Sie ein Testament.
  • Überprüfen Sie Ihre Versicherungen.
  • Organisieren Sie frühzeitig notwendige Pflege und stellen Sie rechtzeitig einen Antrag auf Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung.

Information der Beteiligten

  • Holen Sie detaillierte Informationen über die Erkrankung, den möglichen Verlauf und die Therapien ein. Je mehr Sie darüber wissen, umso besser können Sie sich auf die Situation einstellen.
  • Informieren Sie Ihr soziales Umfeld über die Situation, damit Sie auch von dieser Seite mit Verständnis rechnen und gegebenenfalls Unterstützung einfordern können.
  • Bauen Sie Kontakt zu Selbsthilfegruppen auf.
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